Zuchtziele (Entwurfsfassung)

Im folgenden Text sind die vorläufigen Zuchtziele des Landesverbandes Dunkle Biene Sachsen offengelegt. Diese Ziele werden in der nächsten Zeit aufgrund der weiteren theoretischen Reflexionen, der gemachten praktischen Erfahrungen und des Austauschs sowohl im Verein als auch mit unseren europäischen Partnern ergänzt und angepasst.

Genetische Reinheit als oberstes Zuchtziel und Ausschlusskriterium
Oberstes Zuchtziel des Landesverbandes ist die Erhaltung der reinen Dunklen Europäischen Honigbiene (Apis mellifera mellifera). Dies betrifft in erster Linie die genetische Reinheit. Alle Zuchtvölker durchlaufen ein zweistufiges Testverfahren: Zunächst werden die Zuchtvölker einer morphometrischen Analyse der Flügelindices durch ein unabhängiges Institut unterzogen. In einer zweiten Stufe erfolgt die genetische Analyse, ebenfalls durch ein unabhängiges Institut. Nur Völker, die beide Prüfungen erfolgreich bestanden haben, werden als Reinzuchtvölker anerkannt.

Erhaltung des charakteristischen Phänotyps
Eine reine Dunkle Biene muss phänotypisch sofort als eindeutige Vertreterin ihrer Rasse zu erkennen sein. Die Dunkle Biene ist dunkel pigmentiert und hat ein großes Körpervolumen. Sie hat am Hinterleib schmale bis höchstens mittelbreite, schüttere Filzbinden und besitzt auf der zweitletzten Rückenschuppe langes Überhaar, das einen samtigen Glanz hervorruft. Der Rüssel ist im Verhältnis zur Körpergröße eher kurz. Die Dunkle Biene hat ein einzigartiges Flügelgeäder mit einem mittleren Cubitalindex deutlich unter 2, einer negativen Diskoidalverschiebung und einem Hantelindex kleiner als 0.9. Nur Völker, die diesen Kriterien entsprechen, werden als Reinzuchtvölker anerkannt.

Erhaltung des charakteristischen Verhaltens
Eine reine Dunkle Biene zeigt ein rassetypisches Verhalten, das von dem anderer Bienenrassen abweicht. Der ausgewiesene Mellifera-Experte Friedrich Ruttner (vgl. z.B. Ruttner 1990 und 1992) fasst das Verhalten der Dunklen Biene prägnant zusammen: „extreme Vorsicht als Überlebensstrategie in einer harten Umwelt“. Den Erhalt der dafür (erwünschten) rassetypischen Verhaltensmerkmale gilt es bei der Zuchtauslese zu berücksichtigen. Wesentliche Verhaltenseigenschaften der Apis mellifera mellifera sind die Folgenden:

  • vorsichtige Volksentwicklung, die stets rasch auf Umschwünge in Witterung und damit Trachtangebot reagieren kann
  • ausgeprägte Langlebigkeit der Arbeiterinnen
  • sparsamer Futterverbrauch
  • kompakte, wärmesparende Anlage von Brutnest und Vorräten

Nur Völker, die ein rassetypisches Verhalten zeigen, werden als Reinzuchtvölker anerkannt.

Erhaltungszucht und Leistungszucht
Es steht jedem Züchter frei, mit der Dunklen Biene Erhaltungs- oder Leistungszucht zu betreiben.

Erhaltungszucht
Unter Erhaltungszucht ist die Vermehrung und Selektion genetisch reiner, gesunder, rassetypisch aussehender und sich rassetypisch verhaltender Völker zum Zwecke der Erhaltung des genetischen Potentials der Rasse zu verstehen. Dabei wird auf die Erhaltung der genetischen Variabilität besonderes Augenmerk gerichtet. Imkerlich-wirtschaftliche Aspekte spielen bei der Erhaltungszucht keine Rolle.

Leistungszucht
Bei der Leistungszucht kommen zu den oben genannten Anforderungen noch Aspekte des wirtschaftlichen Imkerns hinzu. Die unten aufgeführte Liste stellt eine Rangfolge dar: Wichtige Zuchtziele werden zuerst genannt, weniger wichtige weiter unten aufgeführt.

Varroatolleranz
Die Varroamilbe stellt eine der größten imkerlichen Herausforderungen der Gegenwart dar, da die Bekämpfung der Varroatose einen großen Aufwand erfordert. Trotzdem fallen dem Parasiten und unsachgemäßen Behandlungen jährlich viele Völker zum Opfer. Es ist aber offensichtlich, dass es zwischen einzelnen Bienenvölkern im Befallsverlauf und im Umgang mit der Milbe große Unterschiede gibt. Ein wichtiges Zuchtziel sind deshalb Bienen, die mit dem Parasiten Varroamilbe – nach dem Vorbild der Asiatischen Honigbiene – im Gleichgewicht leben können. Um diese Völker auszumachen wird die Befallsentwicklung im Jahresverlauf kontrolliert (vgl. Zucht- und Prüfordnung).

Bruthygiene
Zuchtziel sind Völker mit gesunden, kompakten, parasitenfreien Brutnestern. Das Erkennen und Ausräumen kranker Brut trägt wesentlich zur Gesunderhaltung der Völker bei. Ob die Völker eine gute Bruthygiene betreiben, wird mit dem Nadeltest ermittelt (vgl. Zucht- und Prüfordnung).

Honigertrag
Für eine wirtschaftlich orientierte Imkerei ist der Honigertrag nicht unwesentlich. Ziel ist eine Biene, mit der sich der jeweiligen Trachtsituation entsprechende maximale Honigerträge erwirtschaften lassen. Der Honigertrag wird jährlich ermittelt (vgl. Zucht- und Prüfordnung).

Winterfestigkeit
Die Dunkle Biene besitzt aufgrund ihrer stammesgeschichtlichen Entwicklung eine ausgeprägte Winterhärte. Die Überwinterung erfolgt in einer relativ kleinen, aber sehr festen Wintertraube. Bei geringer bzw. ausgesetzter Bruttätigkeit und sparsamem Futterverbrauch leben die Bienen länger, was die Überlebenschancen erhöht. Hohe Winterfestigkeit ist auch ein wichtiger Indikator für die allgemeine Vitalität der Bienen. Die Überprüfung der Winterfestigkeit erfolgt durch einen Vergleich von Einwinterungs- und Auswinterungsstärke (vgl. Zucht- und Prüfordnung).

Sanftmut
Sanftmut ist in unserem dichtbesiedelten Land ein wichtiges Selektionskriterium. In dicht besiedelten Gebieten ist für die Aufstellung von Völkern eine sanftmütige Biene notwendig, um Konflikte mit der Öffentlichkeit zu vermeiden. Durch friedfertige Melliferavölker werden aber auch die Arbeitsbedingungen in der lmkerei erheblich verbessert. Ruhige Völker sind wesentlich schneller zu bearbeiten und Anfänger werden eher geneigt sein, in die Bienenhaltung mit der Mellifera einzusteigen. Die Beurteilung der Sanftmut ist nur subjektiv möglich, ein objektives Messverfahren ist nicht vorhanden (vgl. Zucht- und Prüfordnung).

Schwarmneigung
Eine starke Schwarmneigung führt (sofern nicht Bestandteil einer besonderen Betriebsweise; z.B. Heideimkerei) zu großer Arbeitsbelastung, da viele Eingriffe ins Bienenvolk zur Kontrolle und Verhinderung übermäßigen Schwärmens notwendig werden. Ziel ist deshalb die Zucht einer schwarmträgen Biene. Allerdings muss bei der Beurteilung der Schwarmneigung berücksichtigt werden, dass neben den genetischen Faktoren auch äußere Faktoren (Beuten, Trachtsituation, Völkerführung, etc. eine große Rolle spielen (vgl. Zucht- und Prüfordnung).

Brutnestanlage
Eine rassetypische Brutnestanlage ist als charakteristisches Merkmal der Dunklen Biene zu erhalten. Im Brutnest der Apis mellifera mellifera drückt sich ihre Überlebensstrategie ( aus. Es ist kugelförmig kompakt und geschlossen. Es ist umgeben von einem Pollenkranz, der oft geschlossen bis unter das Brutnest reicht. Über, vor und hinter dem Pollenkranz sind die Honigreserven brutnah angelegt.. Der Futterkranz sollte auch in der Zeit größter Brutausdehnung einige Zentimeter betragen. Die Beurteilung des Brutnestes wird mehrmals im Jahr vergleichend vorgenommen (vgl. Zucht- und Prüfordnung).

Wabensitz
Die Arbeit des Imkers wird erleichtert, wenn beim Herausnehmen der Waben alle Bienen ruhig und fest auf den Waben sitzen bleiben und sich durch den Eingriff nicht stören lassen. Allerdings ist eine gewisse Wabenflüchtigkeit ein rassetypisches Merkmal der Dunklen Biene. Der Selektion nach festem Wabensitz wird deshalb in unserer Zuchtrichtlinie keine oberste Priorität zugewiesen. Die Beurteilung erfolgt subjektiv, ein objektives Messverfahren ist nicht vorhanden (vgl. Zucht- und Prüfordnung).

Volksstärke
Die Dunkle Biene ist eine extensive Biene mit eher mittlerer Volksstärke, die aber rasch auf Veränderungen in der jeweiligen Witterungs. Bzw. Trachtsituation reagieren kann. Diese Eigenschaft gilt es unbedingt zu erhalten. Die Zucht großer, massiger Völker („Fleischvölker“) über das gesamte Jahr hinweg, die in Trachtpausen eventuell sogar gefüttert werden müssen, ist nicht das erklärte Ziel. Wichtig ist, dass es den Völkern gelingt, die zur Ausnutzung der jeweiligen Tracht notwendige Volksstärke rechtzeitig aufzubauen. Die Volksstärke wird mehrmals im Jahresverlauf erhoben (vgl. Zucht- und Prüfordnung).